Der Pilot im Erdbeerfeld

Fünf bis sechs Stunden steht Marcel (28) derzeit jeden Tag auf dem Erdbeerfeld. Freiwillig – der Pilot in Kurzarbeit käme auch ohne Nebenjob über die Runden. Für ihn und seine Freundin Jenny (27) fühlt es sich aber besser an, Erntehelfer zu sein, als nichts zu tun.

„Die Alternative wäre Netflix-Schauen bis zum Abwinken und dann den halben Tag verschlafen“ meint er, während er bei strahlendem Sonnenschein gegen Mittag die letzten 500-Gramm-Schalen mit den süßen roten Früchten füllt. Da sei ihm die Tagesstruktur mit frühem Aufstehen, Arbeiten an der frischen Luft und angenehmer Erschöpfung am Abend deutlich lieber. Marcel und Jenny wohnen in Frankfurt, für den geregelten Tagesablauf und knapp zehn Euro pro Stunde nehmen sie jeden Tag 50 Kilometer Anfahrt in Kauf.

Oder ist da noch mehr?

Das Paar arbeitet auf dem Erdbeer- und Spargelhof Fischer in Gernsheim. Und wenn der erste Eindruck und die überschwänglichen Worte der Helfer, mit denen ich gesprochen habe, nicht komplett täuschen, dann ist der Inhaber Hans Jürgen Fischer ein ganz besonderer Chef. Einer, für den man gerne aufsteht und 50 Kilometer zur Erdbeerernte fährt.

Alle Helfer berichten von der guten Stimmung, die auf dem Familienbetrieb herrscht. Es gibt keine ständigen Kontrollen und keinen unnötigen Stress. Stattdessen berichtet die Helferin Larissa (52), dass sie jeden Tag von sich aus versucht, noch besser zu werden – gerade weil ihr so viel Vertrauen entgegen gebracht wird. Das möchte sie nicht enttäuschen. „Es ist ein tolles Gefühl, hier zu arbeiten“ meint die Hotel-Fachangestellte nach vier Wochen als Erntehelfern.

Der Chef selbst hat natürlich durchaus seine Ansprüche an die Helfer – zwei bis idealerweise drei Steige mit jeweils zehn 500-Gramm-Schalen pro Stunde sollten es schon sein, dann geht die Rechnung für ihn auf, zumindest jetzt, solange die Preise noch nicht im Keller sind und die Direktvermarktung so brummt wie in diesem Frühjahr. Aber offenbar schafft er es, seinen wirtschaftlichen Druck nicht an die Helfer weiterzugeben. Er sagt, dass er bei der Einteilung der Gruppen darauf achtet, die ungeübten Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten einzusetzen. Wer bei der Ernte nicht so recht mitkommt, der kann zum Beispiel einen Verkaufsstand betreuen oder auch beim Pflanzen helfen. Erleichternd kommt dazu, dass nicht alles von den zwar motivierten, aber natürlich noch ungeübten deutschen Helfern bewältigt werden muss. Das Team auf dem Erdbeer- und Spargelhof Fischer besteht aus 20 polnischen, 20 rumänischen und 20 deutschen Mitarbeitern.

Die deutschen Helfer wechseln häufiger, dafür müssen sie nicht untergebracht und verpflegt werden. Durch die Hygienemaßnahmen ist der Aufwand natürlich größer als sonst. Deshalb ist die Truppe aus osteuropäischen und deutschen Helfern für Hans Jürgen Fischer eine sehr gute Lösung. Es hätte viel schlimmer kommen können. „Am Anfang sind wir fast verzweifelt“ sagt er, „es war ja nicht klar, ob wir überhaupt ernten können“. Jeweils ein Drittel der Spargel- und der Erdbeerflächen hat die Familie deshalb still gelegt und gleichzeitig alle Hebel in Bewegung gesetzt, um an Helfer zu kommen.

Besonders erfolgreich bei der Suche nach Helfern war Louisa Fischer (19). Sie hat einen Aufruf auf Facebook gestartet, die lokale Presse informiert und – zunächst gestresst und verärgert, weil ihr die Regelungen für die osteuropäischen Helfer so unklar und chaotisch erschienen – mit dem Landwirtschaftsministerium kommuniziert. Von dort kam die Info, dass es die Plattform Das Land Hilft gibt. Also hat sich der Betrieb auch dort angemeldet. Funktioniert haben alle Aufrufe – auch bei den Fischers gingen so viele Anfragen von deutschen Helfern ein, dass sie tagelang „vom Telefon nicht mehr weggekommen“ sind. Die größte Resonanz habe der Facebook-Aufruf erzielt.

Jetzt läuft alles in geordneten Bahnen, die Stimmung ist trotz – oder auch wegen – des Trubels fröhlich und entspannt. Und die Helfer auf den Erdbeerfeldern nehmen, wenn sie wieder in ihre gewohnten Berufe zurückkehren, eine bleibende Erfahrung mit. „Ich bringe den Lebensmitteln im Supermarkt heute eine andere Wertschätzung entgegen“ sagt Marcel, der junge Pilot. „Ich verstehe jetzt besser, warum es sinnvoll ist, nicht nur nach dem Preis einzukaufen. Billig-Erdbeeren aus Spanien zum Beispiel, wie soll das denn vernünftig funktionieren?“.

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